Senden sehen, Senden aushalten, Senden malen

Du sprichst oft von Leid. Was genau tut Senden dir an?

Es ist die Wiederholung. Die Freundlichkeit ohne Ausgang. Die Systeme, die niemanden hassen, aber alle müde machen. Ich sehe das jeden Tag. Und ich trage es mit mir rum, bis es irgendwo raus muss.


Warum dann malen – und nicht weggehen?

Weil Weggehen nichts löst. Pouring ist bleiben und zulassen. Ich kippe, weil ich nichts mehr ordnen will. Ich halte aus, was passiert. Genau wie hier.


Deine Bilder wirken wütend und gleichzeitig erschöpft.

So fühlt sich der Ort an. Es ist kein großer Schmerz. Es ist ein langsames Zermürben. Man wird nicht angeschrien, man wird aufgebraucht.


Du malst sehr konkret lokale Situationen. Warum?

Weil das Leid hier keine Metapher braucht. Bürgeramt, Schwimmbad, Reihenhaus. Das reicht. Jeder erkennt es. Jeder kennt es.


Ist das noch Kunst oder schon Protokoll?

Beides. Ich halte Zustände fest, die sonst keiner sehen will. Kunst ist hier nicht schön, sondern notwendig.


Was unterscheidet deine Arbeit von Szene-Kunst?

Ich habe keinen Abstand. Ich bin Teil davon. Ich stehe vor der Scheibe. Ich tauche ab. Ich komme wieder hoch. Und dann male ich.


Warum Humor, wenn alles so schwer ist?

Weil ohne Humor gar nichts geht. Lachen ist das Letzte, was einem bleibt, wenn man nicht schreien will.


Was ist Senden für dich am Ende?

Kein Ort. Ein Zustand. Und der hört nicht auf. Deshalb höre ich auch nicht auf zu malen.


Und wenn das Leid irgendwann weg wäre?

Dann würde ich aufhören. Aber das wird nicht passieren.

Laut denken, leise leben – Senden und das, was keiner sagt

Du sagst, du durchschaust die Sendener. Wie fühlt sich das an?

Wie ein Raum voller Menschen, die gleichzeitig lügen – nicht bösartig, sondern aus Gewohnheit. Ich sehe, wie sie sich zusammenreißen, wie sie lächeln, wie sie Dinge runterschlucken. Das macht müde. Und irgendwann macht es traurig.

Was genau ist das Verdrängte? Sag es klar.

Sex. Begehren. Körper. Fantasien. Alles, was nicht ordentlich ist. Man lebt es, aber man spricht es nicht aus. Man lacht darüber, man deutet an, man wechselt das Thema. Und genau da entsteht der Druck.

Warum ist das so zerstörerisch?

Weil man sich selbst ständig korrigiert. Man stoppt Sätze, bremst Gedanken, hält Gefühle an. Das geht nicht spurlos vorbei. Das sammelt sich im Körper. Irgendwann weint man über Dinge, die scheinbar nichts damit zu tun haben.

Ihr weint beide in diesem Gespräch. Warum?

Weil es endlich ehrlich ist. Weil jemand laut sagt, was sonst nur hinter Türen existiert. Weinen ist hier kein Drama, es ist Entlastung. Endlich muss niemand mehr so tun, als wäre alles harmlos.

Was passiert, wenn jemand in Senden wirklich laut wird?

Dann kippt der Raum. Nicht aggressiv, sondern peinlich. Lautsein entlarvt. Es zeigt, dass man sich selbst zu lange klein gemacht hat. Das ist schwer auszuhalten.

Wie reagiert deine Kunst darauf?

Ich lasse alles laufen. Keine Kontrolle, kein Zurücknehmen. Pouring ist Weinen mit Farbe. Es ist der Moment, in dem nichts mehr gehalten wird.

Cindy, warum trifft dich das so?

Weil Humor oft nur die Verpackung ist. Darunter liegt genau das Gleiche: Scham, Sehnsucht, Angst, gesehen zu werden. Wenn man das ausspricht, bricht etwas auf. Und dann kommen die Tränen.

Was ist das eigentliche Problem in Senden?

Nicht Sex. Nicht Moral. Sondern Ehrlichkeit. Man hat Angst, sich zu zeigen. Und diese Angst frisst langsam alles auf.

Was bleibt nach diesem Gespräch?

Dass Weinen kein Zeichen von Schwäche ist. Sondern davon, dass man endlich aufhört, sich selbst zu verstecken.

Ich erlebe durch meine Kunst Sachen, von denen die durchschnittlichen Sendener nicht mal zu träumen wagen. Und ich? Ich tue es einfach.

Fußball, Verantwortung und ein anderer Weg

In Bork ging damals ein Gerücht um. Erzähl es selbst.

Es war so ein klassischer Dorfmythos. Man sagte: Der Mathis ist besser als Rummenigge. Nicht leise, nicht ironisch, sondern voller Überzeugung. Auf dem Platz lief es, alles fühlte sich leicht an, Tore fielen wie von selbst. In Borg reicht das, um Geschichte zu werden.

Du meinst wirklich Karl-Heinz Rummenigge?

Ja. Genau der. Das Gerücht hatte keine Bremse. Je öfter es erzählt wurde, desto wahrer klang es. Und irgendwann glaubst du selbst daran. Das ist gefährlich und wunderschön zugleich.

Wie real war der Traum, Profi zu werden?

Sehr real. Training war kein Spaß, es war Pflicht. Ehrgeiz war da, Disziplin auch. Und dieses Gefühl: Ich könnte das schaffen. In Borg war ich nicht der Gute – ich war der Maßstab.

Und dann kam der Bruch.

Dann kam Tammy. Plötzlich war klar: Jetzt geht es nicht mehr um mich. Fußball ist Risiko. Familie braucht Sicherheit. Der Mythos vom besseren Rummenigge verliert gegen Windeln, Verantwortung und Zukunft.

Wie fühlt sich das im Rückblick an?

Wie ein Leben, das man an der Abzweigung stehen lässt. Es bleibt stehen. Es verschwindet nicht. Es schaut einen manchmal an.

Dietmar, wie wirkt diese Geschichte auf dich?

Extrem vertraut. Jeder, der es ernst meint, kennt diesen Punkt. Talent reicht nicht. Timing entscheidet. Und manchmal entscheidet das Leben schneller als der Ball.

Was ist aus diesem Ehrgeiz geworden?

Er hat sich verwandelt. Erst in Programmieren, später in Kunst. Heute gieße ich das aus, was früher über den Platz lief. Druck, Tempo, Kontrolle verlieren. Pouring ist mein Spiel geblieben.

Bereust du es?

Nein. Aber ich nehme das Gerücht ernst. Es war echt. Und genau deshalb musste ich mich entscheiden.

Was bleibt vom Fußballer aus Borg?

Das Wissen, wie nah alles war. Und dass manche Karrieren nicht scheitern – sie wechseln nur das Spielfeld.

Hobbys müssen auch noch sein

Abseits der Kunst reitet Dietmar, fährt Motorrad, spielt Golf und lebt ein Leben, von dem andere nur träumen können.

Der Meister

Dietmar Mathis, 59 Jahre jung, kam vergleichsweise spät zur Kunst – und genau das sieht man ihr an. Kein akademischer Umweg, kein kunsthistorisches Pflichtprogramm, sondern ein direkter Einstieg über den eigenen Bedarf.